Müssen die Südseereisen der europäischen Maler vor dem Hintergrund von Kolonialismus und Rassenkunde um 1900 neu bewertet werden – nämlich als Aneignung, Übernahme und Abwertung einer fremden Kultur durch die Hegemonial-Tradition des weißen Westens?

Waren die Deutschen Emil Nolde und Max Pechstein (und Ernst Ludwig Kirchner, der nicht reiste, sich aber die exotische Welt quasi ins Atelier holte) im deutschen Kaiserreich unmittelbare Nutznießer des Kolonialismus? Wären das “Ursprüngliche” und das “Wilde” in der expressionistischen Malerei ohne die zeitgenössische Völkerkunde und ihre Rassentheorie gar nicht denkbar gewesen – und damit auch nicht der spätere internationale Erfolg dieser Künstler?

Die Südseereisen von Nolde und Pechstein in den Jahren 1913/14 trugen auf ihre Weise zur Konstruktion eines (imaginierten) “Anderen” bei und sollten zunächst eine Kunst- und Lebensalternative zur bürgerlichen, “zivilisierten” Gesellschaft in Deutschland bieten. Der Film Die Primitiven zeigt, wie Noldes und Pechsteins Bilder sich dabei von den ersten Reisetagen an als kolonialer “weißer Blick” im Zusammenspiel mit der frühen deutschen Ethnologie zu einer Art Aneignungskunst weiterentwickelten. Dass der „weiße Blick“ in der modernen Kunst ein europäisches Phänomen war, zeigen die Einflüsse von Paul Gauguin und von Fauvisten wie Henri Matisse auf den deutschen Expressionismus.

Kirchner gestaltete seine Ateliers in Dresden und Berlin mit exotischen Fetischen zu einem Dschungel, er inszenierte den “Primitivismus” nur in seinem Studio. Nolde und Pechstein dagegen verließen ihre Ateliers, wagten das Abenteuer der Expedition und fuhren mit ihren Frauen Ada und Lotte zur künstlerischen “Feldforschung” in die Kolonien Deutsch-Neuguinea und auf die Palau-Inseln. Die Erlebnisse vor Ort wurden von Ada Nolde und Lotte Pechstein in Tagebüchern dokumentiert. Ihre Männer hielten sie in Briefen und autobiografischen Skizzen fest, in Noldes und Pechstein Memoiren nehmen die Südseeerlebnisse später ebenso Platz ein.

Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, im Mai 1914, beendeten die Noldes nach Emil Noldes lebensbedrohlicher Erkrankung an der Amöben-Ruhr und dem Todesfall einer Begleiterin ihre Expedition vorzeitig. Max und Lotte Pechstein wurden Anfang November 1914 von japanischen Truppen von den Palau-Inseln vertrieben, in Japan interniert und versuchten über Manila nach Deutschland zurück zu gelangen. Sie landet schließlich unfreiwillig in New York.

DIE PRIMITIVEN I Der weiße Blick bei Nolde und Pechstein – Expressionismus und Kolonialismus
Dokumentarfilm 52/60 min für NDR / ARTE

In Produktion / Ausstrahlung 2021

Credits

Buch & Regie Wilfried Hauke
Kamera Boris Mahlau
Musik George Kochbeck
Schnitt Sonja Kieschnick
Bildrecherche Anna Drum
Postproduktion Jörg Rode
Produktionsleitung Fabian Preuss, Melanie Clausen (NDR)
Redaktion Ulrike Dotzer ARTE/NDR, Christoph Bungartz NDR

Produktion

IDA Film & TV Produktion

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